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Home Anatomie Gehirnhälften

Die zwei Gehirnhälften (Hemisphären)

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Jegliche kulturelle Entwicklung beruht darauf, dass einmal Gedachtes als Gedächtnis erhalten bleibt. Beim einzelnen Menschen ist es nicht anders. Lernen und Erinnern sind daher Grundbausteine des geistigen Fortschritts. Die Wissenschaft hat in den letzten Jahren sehr viel über die Vorgänge beim Lernen herausgefunden, die die Idee vom Gehirn als simplem Informationsspeicher mehr als in Frage stellen. Wandelndes Lexikon, fotographisches Gedächtnis - noch immer transportieren unsere Umschreibungen für die perfekte Erinnerung die Vorstellung, Gedächtnis sei tatsächlich in erster Linie ein Speicher, in dem so etwas wie Wissen und objektive Fakten abgelegt sind. Eine Vorstellung, die zudem noch immer das Ideal der Schulbildung zumindest in der Öffentlichkeit prägt, man müsse den Kindern möglichst viel Wissen beibringen.

Als derzeitiges Ergebnis ist u.a. festzuhalten, dass es ein wesentliches Charakteristikum der Großhirnrinde ist, möglichst alles mit allem zu vernetzen. Unsere Erinnerung sitzt folglich nicht in irgendwelchen Nervenzellen, sondern besteht im wesentlichen aus einer verstärkten Verknüpfung von Nervenzellen - wobei die einzelnen Zellen zum Teil weit voneinander entfernt sind. Die Verstärkung der Nervenverbindungen, der Synapsen, ist heute das Standardmodell für Lernen und Gedächtnis.

Eine Reihe von Wissenschaftlern vermuten, dass vor allem solche Menschen in vernetzten Systemen erfolgreich handeln bzw. kreativ sind, bei denen die linke und die rechte Gehirnhälfte gut miteinander kommunizieren, wenn sich also im Gehirn systematisches Denken und Intuition verbinden. Denn das Erstaunliche ist, dass sich z. B. neue Wirklichkeiten oft dann in unser Bewusstsein drängen, wenn wir mit etwas ganz anderem beschäftigt sind.

 

In unserer westlichen Welt wird häufig die linke Gehirnhälfte sehr viel stärker gefordert als die rechte. Denken Sie z.B. an die Schule - hier standen vielmehr logisch-analytische Denkprozesse im Vordergrund und Schwerpunkte lagen in den Bereichen Sprache und Zahlen. Aber nur wenn beide Hemisphären des Großhirns gut zusammenarbeiten und sich ergänzen, entstehen exzellente und kreative Denkleistungen. Deshalb ist es so wichtig, auch die rechte Gehirnhälfte in Denk- und Lernprozessen zu fordern.

 

Was sich auf der linken Hälfte des Gesichtsfeldes befindet, wird über den Sehnerv kreuzweise in die rechte Gehirnhälfte transportiert. Umgekehrt verarbeitet die linke Gehirnhälfte Eindrücke, die durch das rechte Auge transportiert werden. Nimmt man diese Erkenntnisse als Gestaltungsgrundlage, so ergeben sich daraus Notwendigkeiten für die Anordnung von Navigation, Bild und Text. Da wir in unserem Kulturkreis von links nach rechts lesen, beginnt die rechte Gehirnhälfte (linkes Auge) ihre Arbeit demnach zuerst. Da diese Gehirnhälfte für die Orientierung und Bilderkennung zuständig ist, sollten sich Navigationselemente auf der linken Seite befinden.

Bei einer Bild-Text-Kombination ist es demnach einfacher für die Wahrnehmung, wenn sich das Bild links und der Text rechts befindet. Befindet sich das Bild auf der rechten Seite wird es mit der linken Gehirnhälfte aufgenommen und mit Verzögerung zur rechten Gehirnhälfte geschickt.

 

Rechte Gehirnhälfte

Linke Gehirnhälfte

Körpersprache-Bildersprache
Intuition-Gefühl
Kreativität-Spontaneität
Sprunghaftigkeit
Neugier-Spielen-Risiko
Synthese-Überblick
Kunst-Tanz-Musik
Ganzheitlich
Zusammenhänge
Raumempfinden

Gehirn

Sprache-Lesen-Rechnen
Ratio-Logik
Regeln-Gesetze
Konzentration auf einen Punkt
Analyse-Detail
Wissenschaft
Schritt für Schritt
Einzelheiten
Zeitempfinden
Linearität

Unterschiedliche Aufgaben der beiden Gehirnhälften

Das stille Drücken einer Schulbank ist für das Lernen also nicht gerade die optimale Position. Die neuen Erkenntnisse bezüglich der Neurobiologie des Gedächtnisses bestätigen die Lehrer, die schon längst variable methodische Konzepte anwenden, um z.B. Studierenden und Schülern beim Erwerb von Erfahrung und Wissen im beschriebenen Sinne zu helfen.

Entdeckungen in der Hirnforschung:

Die beiden Hirnhälften sind physiologisch voneinander getrennt, werden aber durch einen dicken Nervenstrang, Balken genannt, verbunden. Zur Behandlung bestimmter Formen der Epilepsie wird der Balken operativ durchtrennt, um in einer Hirnhälfte auftretende Anfälle auf diese zu beschränken; durch die fehlende Verbindung kann sich ein epileptischer Anfall dann nicht auf die andere Hirnhälfte ausbreiten und ist leichter zu kontrollieren. Bei diesen so genannten »split-brain«-Patienten entdeckte man eine Reihe eigentümlicher Ausfälle, aus denen man auf die unterschiedlichen Funktionen der beiden Hirnhälften schließen konnte. So können diese Patienten zum Beispiel ein Wort, dass auf der linken Seite ihres Gesichtfeldes steht, mit Hilfe der rechten Hirnhälfte lesen und mit der linken Hand, die ebenfalls von dieser Seite kontrolliert wird, schreiben - sie können aber nicht sagen, was sie gelesen und geschrieben haben, solange sie das Wort nicht auch mit der linken Hirnhälfte »sehen«; das Sprachzentrum scheint also wie vermutet auf der linken Seite zu liegen.

Tatsache ist auch, dass meist die Hirnhälfte größer ist, in der das primäre Sprachzentrum liegt, doch dies muss keineswegs immer die linke sein. Und dass sie größer ist, bedeutet noch lange nicht, dass wir diese Hälfte mehr nutzen, sondern nur, dass Sprache so komplex ist, dass ihre Verarbeitung und Produktion mehr Raum im Gehirn benötigt.

Welche Gehirnseite bevorzugen Sie?

Die meisten von uns verlassen sich überwiegend auf ihre für die Logik zuständige linke Gehirnhälfte. Sie bestimmt vor allem Juristen, Schriftsteller, Buchhalter, Ärzte, Steuerexperten - Berufe, die mit logischen, sprachbezogenen Informationen zu tun haben. Die scheinbar stumme rechte Gehirnhälfte - das sogenannte künstlerische und emotionale Gehirn - kann Informationen verarbeiten und uns das Ergebnis in Träumen, Symbolen und Gesten oder plötzlichen Eingebungen mitteilen. Diese Geistesblitze flammen oftmals ohne langes Suchen auf und rücken jedes Ding an seinen Platz.

Stärker mit der rechten Hälfte arbeiten deshalb Dichter, Politiker, Musiker, Architekten, Tänzer und Topmanager. Warum benutzen wir die rechte Gehirnhälfte nicht öfter? Weil wir von Kindesbeinen an mit einer akademischen Diät aus Lesen, Schreiben, Rechnen und Grammatik gefüttert werden. Schulische Fortschritte werden durch Klassenarbeiten ermittelt, die auf die Denkvorgänge der linken Gehirnhälfte zugeschnitten sind.

Welcher Gehirnhälfte geben Sie den Vorrang? Das verrät, wie Sie Kopf und Augen halten, wenn Sie über eine Frage Ihres Gesprächspartners nachdenken: Wer den Kopf nach links dreht, hat eine Vorliebe für die rechte Gehirnhälfte; wer ihn nach rechts wendet, arbeitet bevorzugt mit Logik oder Sprache. Andere Testmöglichkeit: Montageanleitungen für technische Geräte. Linksseitig Orientierte folgen der Anweisung Satz für Satz. Der "Rechtsdenker" ignoriert den schriftlichen Text und baut das Gerät nach Bild oder Diagramm zusammen.

Gibt es Intelligenzunterschiede zwischen Männer und Frauen?


Tests ergeben meist, dass sich Männer und Frauen hinsichtlich ihrer Intelligenz nicht unterscheiden. Dies stimmt auch für die Summe der Intelligenz, aber nicht für alle ihre Komponenten. Man geht davon aus, dass Intelligenz im Sinne von Denkfähigkeit vom Geschlecht unabhängig ist. Nun hat sich aber z.B. gezeigt, dass Frauen - über eine hinreichend große Stichprobe betrachtet - bei Aufgaben zum räumlichen Vorstellungsvermögen geringfügig schlechter abschneiden als Männer, diese den Frauen aber wiederum in sprachlichen Aufgaben unterlegen sind. Beide Aufgabentypen sind Bestandteil vieler Intelligenztests. Die Unterschiede sind zwar gering und treten nur bei extremer Beobachtung zutage - im täglichen Leben kann man also keineswegs damit zu seinen Gunsten argumentieren -, sind aber real.
Es gibt eine ganze Reihe von zum Teil haarsträubenden Theorien, warum es diese Unterschiede gibt. Meist wird evolutionär argumentiert: Die Männer seien früher primär für die Jagd zuständig gewesen und hätten ein gutes räumliches Vorstellungsvermögen entwickeln müssen, während für die Frauen im Hinblick auf soziale Aktivitäten die Kommunikation wichtiger gewesen sei. Beweisen lassen sich solche Mutmaßungen ebenso wenig wie widerlegen. Auch dass sich Beweise für unterschiedliche Denkweisen physiologisch an Ausformung und Tätigkeit des Gehirns nachweisen ließen, stimmen nur zum Teil. Wie im Falle der in der letzten Ausgabe beschriebenen Nutzung der linken bzw. rechten Hirnhälfte lassen sich nur für einige extreme Fälle Zuordnungen treffen. Das Gros der Menschen unterscheidet sich darin nicht besonders voneinander. Möglicherweise besitzen Frauenhirne eine andere Verbindung der Hirnhälften, ein größeres Sprachzentrum und eine andere Anordnung der Nervenzellen. Noch fehlen aber gesicherte Erkenntnisse.

Schlussbemerkungen

Erwähnenswert ist noch, dass es eine ganze Reihe so genannter "dualer" Verhaltenstheorien gibt, die alle auf der Annahme aufbauen, unser Nervensystem sei nach einem zweigleisigen Prinzip, als "fokussiert vs. schwebend" bezeichnet, organisiert. Das Gleichgewicht zwischen diesen Systemen bzw. die Möglichkeit, flexibel hin- und herschalten zu können, wird dann als entscheidender Faktor für gesundes, erfolgreiches, angepasstes Verhalten gesehen. Man kann dies sogar mit zentralnervösen Instanzen bis hin zu den beiden Hirnhälften in Verbindung bringen (schwebende Aufmerksamkeit ist eine Funktion der rechten, fokussierte Aufmerksamkeit eine Funktion der linken Hemisphäre). All dies ist ungemein interessant, führt uns jedoch viel zu weit weg vom Web.