Webdesign-Usability

  • Increase font size
  • Default font size
  • Decrease font size
Home Angebote Usability Inspection

Usability Inspection

E-Mail Drucken PDF

Der finanzielle Aufwand ist noch immer - trotz aller Kosten-Nutzen-Vorteile - der wichtigste Grund, der Unternehmen davon abhält, die Usability ihrer Produkte zu überprüfen. Um dieses Hindernis zu entschärfen wurden als Alternative bzw. Ergänzung zu klassischen Usability Tests Methoden zur Usability Inspektion (im folgenden: Inspection) entwickelt.

Definition

Usability Inspection ist der Name für eine Reihe von Methoden, bei denen Gutachter Usability-relevante Aspekte eines Produktes überprüfen. Die Gutachter können dabei Endanwender, Domänenexperten, Softwareentwickler oder Usability Ingenieure sein. Dieser Ansatz baut auf die Fähigkeit der Gutachter, Probleme der Endanwender vorherzusagen.

Ziele

Diese Methoden sollen meist Usability Probleme identifizieren; also Charakteristiken eines Produktes, die die Effizienz oder Effektivität der Interaktion Produkt-Nutzer bzw. die Zufriedenheit des Nutzers beeinträchtigen könnten. Häufig wird mit diesen Techniken auch untersucht, ob ein Produkt leicht zu erlernen ist oder ob es bestimmten (firmeninternen o. marktüblichen) Standards entspricht.

Auswahl der Methoden

Hier sind verschiedene Aspekte zu berücksichtigen:

  • Welches Ziel verfolgt die Untersuchung?

  • Je nach gewünschtem Strukturiertheitsgrad der Untersuchung können Szenarien hilfreich sein. Dies trifft besonders bei detaillierter Leistungsüberprüfung zu. Andererseits können sog. open-end Untersuchungen dem tatsächlichen Einsatz des Produktes näher kommen. Hier sind die Aspekte "Realitätsnähe" und "Strukturierung" gegeneinander abzuwägen. Sollten verschiedene Untersuchungstechniken miteinander verglichen werden, können verschiedene Szenarien als Vergleichsgrundlage dienen.

  • Erfahrung der Prüfer

  • zeitlicher, finanzieller und personeller Aufwand der Methoden

  • Usability der Methoden: Welche Methode kann unter gegebenen Bedingungen am leichtesten gelernt und am besten eingesetzt werden?

Validität

Validität von Usability Inspection betrifft die oben zitierte Frage, in welchem Maße diese Technik in der Lage ist, Probleme der Endanwender vorherzusagen. Grundsätzlich ist Validität hier kein absolutes Kriterium sondern immer abhängig von Ziel und Zweck der Untersuchung. Um Methoden auf einer quantitativen Basis vergleichen zu können, wird als Statistik häufig die Anzahl der erkannten Probleme verwendet. Hinsichtlich dieses Kriteriums scheinen beispielsweise die meisten Studien eine Überlegenheit der Heuristischen Evaluation gegenüber dem Cognitive Walkthrough nachzuweisen. Vorsicht ist jedoch geboten bei Vergleichen über verschiedene Studien: Detailliertheitsgrad der Untersuchungen, Entwicklungsstand und Art des Produktes können dabei stark variieren und so einen Vergleich unmöglich machen. Validität ist aber nicht nur eine Eigenschaft der Methode sondern der Anwendung der Methode; sie wird also auch durch Charakteristiken des Gutachters beeinflusst. In einem Experiment zeigt Nielsen (1993), dass Usability Experten mit Hilfe Heuristischer Evaluation mehr Probleme identifizieren als normale Anwender. Sog. "Doppelexperten", Usability Experten mit Domänenwissen, erzielen eine noch höhere Quote.
 

Inspektion oder Tests?

Wie so oft hängt auch diese Entscheidung von den situativen Gegebenheiten ab. Sollen beispielsweise genaue Leistungsmaße bei einer Untersuchung erhoben werden, so können empirische Tests nicht ersetzt werden. Wenn die speziellen Umstände es jedoch erlauben und der zeitliche oder finanzielle Aufwand einer empirischen Überprüfung gescheut wird, ist Usability Inspection ein wertvolles Werkzeug, das als Ersatz von Tests dienen kann und als Alternative zu Nicht-Testen dienen soll. Wenn ausreichend Ressourcen zur Verfügung stehen, ist eine optimale Strategie, die Vorteile beider Techniken zu nutzen, indem sie kombiniert werden.

Art der Probleme

Natürlich liegt es den Untersuchern am Herzen, besonders schwerwiegende Usability Probleme ausfindig zu machen. Das betreffende Maß, hinsichtlich dessen die Probleme zu diesem Zweck beurteilt werden, ist meist eine Kombination aus Auftretenshäufigkeit, -wahrscheinlichkeit und Einfluss auf die Bedienung eines Produktes. Üblicherweise werden diese Dimensionen in die Kategorien niedrig, mittel, hoch unterteilt und alle Kombinationsmöglichkeiten zu einem Maß verrechnet. Dieses Maß drückt dann aus, wie schwerwiegend das Problem ist.

Informationsgehalt der Inspection Methoden

Der Abschlussbericht enthält üblicherweise Vorschläge, wie das Produkt umgestaltet werden sollte, um die erkannten Probleme zu beseitigen. Oft genügt es, das Problem zu erkennen; die nötige Verbesserung liegt dann häufig auf der Hand. Usability Inspection Methoden sind besser geeignet, Probleme zu finden, als Problemlösungen vorzuschlagen. Diese Suche hat häufig mit Hilfe anderer Methoden zu erfolgen (z. B. strukturierter Interviews der Designer oder Gruppendiskussionen). Einen wertvollen Hinweis für das Redesign kann eine Rangfolge der identifizierten Probleme geben. So können Ressourcen auf wirklich relevante Gesichtspunkte konzentriert werden.

Einsatzzeitpunkt

Inspection Methoden benötigen eine fertig gestaltete Benutzerschnittstelle (Interface). Diese muss jedoch nicht notwendigerweise implementiert sein: Die Überprüfung eines frühen Prototyps kann bereits wichtige Hinweise geben. Daraus ist zu schließen, dass die frühen konzeptionellen Stadien der Produktentwicklung nicht der richtige Einsatzzeitpunkt für diese Methoden sind. Für ein fertiges Produkt empfehlen sich natürlich empirische Studien. Optimaler Einsatzzeitpunkt für Usability Inspection sind also die mittleren Phasen im Zyklus der Entwicklung - kombiniert mit Aufgabenanalyse und Szenarienentwurf am Anfang und Benutzertests am Schluss.

Quintessenzen

In den meisten Fällen wird nicht gefragt, welche Usability Engineering Maßnahmen korrekt sind sondern was mit gegebenen Ressourcen geleistet werden kann. Verglichen mit der am weitesten verbreiteten Usability Politik, nämlich diesen Bereich ganz zu ignorieren, sind Usability Inspection Methoden als Vertreter des sog. Discount-Usability Ansatzes mit Sicherheit vorzuziehen. Unter diesen Umständen müssen und können diese Methoden Ersatz für Usability Tests sein. Im Idealfall werden beide Ansätze kombiniert. Experten sind als Gutachter effektiver als Laien. Für beide Gruppen jedoch gilt: jeder zusätzliche Gutachter bringt eine Verbesserung. Die Verbesserungsrate sinkt aber mit jedem neuen Gutachter. Grundsätzlich werden für eine Inspektion 3-12 Prüfer benötigt. Innerhalb dieser Bandbreite ist die Anzahl abhängig von der Expertise der Prüfer und der Komplexität des Produktes. Außerdem kann die Position im Entwicklungsprozess eine Rolle spielen: Sind mehrere Überprüfungen geplant Experten sollten unter Umständen für spätere Evaluationen "aufgespart" werden.
Nach diesen allgemeinen Bemerkungen zu Usability Inspection sollen in den nächsten beiden Abschnitten die bekanntesten Vertreter dieser Technik vorgestellt werden: Heuristische Evaluation und der Cognitive Walkthrough.